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Hilfe zur Selbsthilfe

Eine Medien- und Aktionsprojekt zum Thema "Kinderarmut in Deutschland"
Durchgeführt von der Ernst-Reuter-Hauptschule, Ludwigshafen, Nov. 2006

"Kinderarmut in Deutschland, da müssen wir nur aus der Tür gucken", befand ein Team aus Religionslehrern und Medienpädagoginnen aus der Ernst-Reuter-Schule als sie von dem Projekt "Echt arm?" der Aktion Mensch erfuhren.

Die Schule in der gleichnamigen Siedlung liegt in einem sozialen Brennpunkt. Die Eltern der Kinder und Jugendlichen sind häufig Sozialhilfeempfänger, viele der SchülerInnen kennen Armut - sei es direkt materiell oder durch die bedingte Ausgrenzung, dem Nichtteilnehmen-können an gesellschaftlichen Ereignissen. Gerade deshalb ist das Thema hier Tabu.

Für das Team war das der Ansatzpunkt. Nach sorgfältiger Planung führte es einen klassenübergreifender Projekttag durch, bei dem das Thema Kinderarmut offensiv angegangen wurde. Alle SchülerInnen nahmen daran teil, also auch die aus nichtbenachteiligten Familien.
Zahlreiche Kinder und Jugendliche waren in die Vorbereitung des Tages eingebunden. Die siebten Klassen erstellten die Infowände für die "Mitmachrallaye", durch die dann am Projekttag alle 250 SchülerInnen gingen. Hier gab es verschiedene Aufgaben zu lösen. Z.B. gab es den Warenkorb. Hier mussten Fragen beantwortet werden wie: Was kostet ein Fruchtquark oder ein dreipfünder Brot? So wurde versucht, ein Preisbewußtsein zu vermitteln. Dieses wie auch einiges anderes was präsentiert wurde, richtete sich indirekt auch an die Eltern. So der Slogan "Selber machen ist billiger", anhand dessen deutlich gemacht wurde, um wieviel preiswerter eine Fertigpizza oder ein selbstgebackener Apfelkuchen im Vergleich zum Restaurant oder Bäcker sind.
Die SchülerInnen wurden mit Tafeln auf ihre Rechte als Kinder aufmerksam gemacht. Hilfsangebote wurden so angeboten, dass deutlich wurde, dass ihre Nutzung nicht den eigenen Stolz verletzt. Abschließend gab es für die zwei Klassen Preise zu gewinnen, die die ausgelegten Fragebögen am besten ausgefüllt hatten.

Schon im Vorfeld hatte die Video AG der Schule Straßeninterviews durchgeführt, in denen sie während des Projekttages ein kontroverses Meinungsspektrum zur Existenz von Kinderarmut als Video präsentieren konnten. In dem Film "Die Ludwigshafener Tafel" wird auch die Arbeit der "Tafel" eingeführt und vorgestellt. Offen äußern die jugendlichen Interviewer ihre Verwunderung darüber, dass die Tafelkunden "nicht so arm aussehen". Es erstaunt sie aber auch, dass es so viele sind. Eindrücklich wird die wichtigste Folge der Tabuisierung von Armut in einer reichen Gesellschaft herausgestellt: die Scham über die eigene Situation. Die Kinder und Jugendliche stellen sich selbst der Frage: Und ich, würde ich zur "Tafel" gehen?

So ermöglichten die Filmemacher ihren jugendlichen Zuschauern mit einfachen Mitteln, sich in das gesellschaftliche Problem (Kinder-)Armut hineinzuversetzen. Aber nicht nur die SchülerInnen sahen den Film. Auch der Offene Kanal, Ludwigshafen strahlte ihn aus. Zu dem wurde zur Projektauswertung ein ganzes Medienpaket erstellt, das den Film über die "Tafel" enthält, eine Dokumentation auf DVD über die Mitmachrallaye sowie eine Fotodokumentation und einen Radiomitschnitt von SWR 4 zum Projekttag.

Die SchülerInnen konnten sich an diesem Tag aktiv einbringen und sich im Schutz der selbst hergestellten Öffentlichkeit mit der eigenen Situation oder der Nahestehender auseinandersetzen. Dass dabei in Form der hergestellten Produktionen bleibende Medien entstanden, erlebten die Kinder als einen identitätsstiftenden Vorgang, der ihr Selbstbewußtsein stärkte.

Dieser Prozess wurde noch dadurch verstärkt, dass das Team bewusst eine außerschulische Öffentlichkeit hergestellt hat. Eine Kommunalpolitikerin und die Vorsitzende vom Kinderschutzbund besuchten die Veranstaltung. Die damit empfundene Aufmerksamkeit für das gewählte Thema und für die eigene Arbeit gab den SchülerInnen zusätzliche Motivation.