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Von dem Auftauchen in der Welt

Der Umraum, der Ort, der Kontext ist für Gisela Witt das Grundmaterial ihres Schaffens, ihrer Kunst. Seit ihrem Studium an der Freien Kunstakademie Mannheim faszinieren sie Fragen nach der Geschichte, also der Zeitlichkeit, und der Verortung allen Lebens in der Zeit. So schuf sie noch während des Studiums die Rauminstallation "Erinnerung ist räumlich I" (1995), die sich mit dem Gebäude der Schule in Mannheim selbst beschäftigte, das ursprünglich ein ehemaliges jüdisches Waisenhaus war. Dokumentation, Aktion und Installation wuchsen damals schon zu einem Kunstwerk zusammen. Im selben Jahr ging sie noch weiter und setzte sich während des Projekts "Abriss: Arbeiten" in der ehemaligen Walzmühle mit der Funktion der Halle als ehemaligem Getreidespeicher auseinander. Dabei operierte sie schon damals mit ihr noch heute wesentlichen Begriffen: Ort und Zeit, Innen und Außen und der Wechselwirkung dieser Konstanten - in der Ästhetik der Kunst. So säte sie Getreide, das zu einem grünen Feld heranwuchs, und konfrontierte es mit einem gleichgroßen Quadrat von weißem Mehl. Und mit einer Videokamera holte sie - closed circuit - den Rhein in die Halle. Während so der stille, ruhende Teil Form und Farbe behandelte - Quadrate in Grün aus Pflanzen und Weiß aus Mehl -, bewegte sich der Ort selbst durch das fließende Wasser außerhalb. Bei dieser Arbeit kam schon ein ihr wichtiges, weil genuines Merkmal von Videoarbeit in den Blick: der closed circuit. Der berühmte "geschlossene Kreislauf" definiert am besten die Besonderheiten des Mediums Video in Vergleich zu Film: zeitgleich können Bilder aufgenommen und wiedergegeben werden, zeitgleich Abbild und Realität ins Bild genommen werden. (Ein berühmtes Beispiel ist die brennende Kerze von Videopionier Nam June Paik im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt).

Ein anderer Zugang ist ihrer Arbeit "surfacing" (an die Oberfläche kommen, 2008) eigen: Auf Fensterscheiben oberhalb einer belebten Fußgängerzone wurden Aufnahmen projiziert vom Auf- und Abtauchen einer Frau im Wasser. Dabei entwickelte sich die reine Alltagserfahrung weiter zum Ausgangspunkt eher meditativer und philosophischer Reflektionen. Denn die Arbeit thematisiert anhand der sich wiederholenden Bewegungen des Auf- und Wegtauchens Werden und Vergehen, den Kreislauf des Lebens und das sehr ruhig und gleichzeitig überraschend im städtischen Umraum. Ein ähnlicher Ausgangspunkt lag ihrer Arbeit "Innen und Außen" (2006) zu Grunde, in der sie noch stärker das Medium an sich der Umgebung aussetzte. Drei Frauen scheinen auf einem Video aus dem Fenster zu schauen, glotzen sozusagen auf eine belebte Fußgängerzone. Die Aktion hieß offiziell "coach potatoes", was wir ja ganz klar mit dem Fernsehen verbinden. Eine Frau raucht, eine trinkt Kaffee, aber die Augen schauen und verfolgen die Umgebung, und an ihrem Blickverlauf kann man vielleicht ahnen, was sie gesehen haben. Auch bei dieser Arbeit ist das Innen und Außen zudem vielfältig übertragen gemeint, typisch für Witt: Man sieht die Frauen von außen, sie sehen vom Innenraum nach außen, aus ihrem Körper in die Außenwelt. Die Außenwelt schaut wiederum auch aus den einzelnen Körpern auf die drei Protagonistinnen und versucht deren Blicke zu ergründen. Bei diesem Vexierspiel wird das ganz Einfache zum Hochkomplexen.

Zu sprechen kommen muss man auf Witts Fotoarbeiten. Nur ein Beispiel sei hier genannt, die Fotoinstallation mit Polaroids ,Das Eigene und das Fremde’ von 2003. Gisela Witt bezeichnet sich selbst als Technikfetischistin, die die spezielle Farbigkeit der nun leider aussterbenden Sofortbilder sehr schätzt. In mehreren Kleinserien lichtete sie jeweils eine Frau kurz hintereinander ab, diese Fotos wurden dann aber so montiert, dass sie eine komplexe Serie bilden, die formal und inhaltlich überrascht. Etwa bei den Bildern einer jungen Frau mit Strahlenkranzhaaren geht die Reihe auf und ab, von innen nach außen, aber auch von rechts nach links. Damit operiert die Künstlerin gegen unsere gewohnte Leserichtung und damit Blickrichtung, wenn wir mehrere Partien eines Bildes schnell erfassen und verstehen wollen. Witt versuchte mit den Fotos das Befinden der einzelnen Dargestellten zu erfassen, von dem sie zum Teil selbst gar nichts wussten. Häufig beginnt die Reihe mit dem Ganzbeisichsein der Porträtierten und endet in einer Öffnung ins Außen, von Innen in die Welt sozusagen. Aber auch psychologisch gesehen von der Person in die Umwelt, vom Eigenen ins Fremde. Die Verdichtung der Eindrücke in diesen kleinen Serien und deren fast malerische Schönheit, auch und gerade im Formalen, muten an wie ein Symbol für die Arbeitsweise der Künstlerin. Denn Gisela Witt arbeitet seit Jahren kontinuierlich an ihren Themen - Innen und Außen, das Eigene und das Fremde, Ort und Zeit, Alltag und Metaebene - findet immer wieder überraschende, neue Bilder, Zusammenstellungen und Installationen dafür. Dass sie dabei die jeweils passende, ja genuin richtige Technik immer im Blick hat, gehört zu den Charakteristika ihrer Arbeit.

Dr. Susanne Kaeppele